Genderverbot: Schülersprecherin erwartet, dass Abiturient*innen gendern – nun erst recht

WIESBADEN. Manche Abiturient*innen werden in diesem Jahr wohl in Prüfungen mit Sonderzeichen gendern, obwohl – oder besser: weil – das hessische Kultusministerium angeordnet hat, dies als Fehler zu werten. Das vermutet die hessische Landesschulsprecherin.

Nö. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Dem Genderverbot im gegenwärtigen Abitur in Hessen könnten sich manche Prüflinge bewusst widersetzen. Landesschulsprecherin Louise Terhorst sagte, sie habe von Schülerinnen und Schülern gehört, die «ein Statement setzen wollen». Auch sie selbst wolle im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit im Abitur an verbotenen Gendersonderformen innerhalb von Wörtern festhalten, ergänzte die 18-Jährige. Dazu zählen etwa das Binnen-I, der Unterstrich und das Gendersternchen.

Terhorst ist nach eigenen Worten schon lange an das Gendern gewöhnt, auch in der Schule. Zudem spare es Zeit und sei praktisch: «Richter*innen zum Beispiel schreibe ich schneller als Richterinnen und Richter», sagte die Schülerin der Internatsschule Schloss Hansenberg in Geisenheim im Rheingau.

Das CDU-geführte Kultusministerium in Wiesbaden teilte auf Anfrage mit, ihm seien entsprechende Protestankündigungen von Abiturientinnen und Abiturienten nicht bekannt. In den vergangenen zwei Prüfungsjahren war das Ministerium nach eigenen Angaben wegen Corona-Schulausfällen davon augegangen, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler die Positionierung des Rates für deutsche Rechtschreibung von 2021 kennen konnten – uned begründet so die damalige Linie bei Korrekturen, Gender-Sonderzeichen zu akzeptieren. Doch jetzt sei wieder «das Regelwerk des Rates für deutsche Rechtschreibung bei der Korrektur und Bewertung der schriftlichen Prüfungen anzuwenden». Auch bei den Abschlüssen an Haupt- und Realschulen.

Kritiker allerdings sehen etwas anderes hinter der Maßnahme als reine Orthografie: nämlich den Versuch von unionsgeführten Landesregierungen, rechte Wählerinnen und Wähler mit einem AfD-Thema an sich zu binden (News4teachers berichtete). Tatsächlich erließ unlängst auch die CSU-geführte bayerische Landesregierung ein Genderverbot (nachdem schon andere CDU-geführte Kultusministerien vorgelegt hatten) – allerdings ein lockereres als Hessen: Im Freistaat sollen Sonderzeichen von Lehrkräften zwar markiert, aber nicht benotet werden.

Hessens Landesschulsprecherin Terhorst kritisierte nun, die Schulen seien über diese Neuregelung drei Tage vor den Osterferien informiert worden. Ebenfalls nur drei Tage danach begann bereits das Abitur. «Es gibt daher eine große Unsicherheit», ergänzte die 18-Jährige. Das Kultusministerium betonte hingegen, es habe bereits 2023 angekündigt, dass für das damalige Abitur zum letzten Mal Gendersonderformen nicht als Fehler gewertet würden.

Der Streit beschäftigt längst auch die Politik. Die Grünen-Opposition im Landtag monierte kürzlich, für «Schüler*innen sind zudem viele praktische Frage offen. Etwa danach, ob das mehrfache Gendern mit Sonderzeichen einen Wiederholungsfehler darstellt.» (News4teachers berichtete.)

Dazu erläuterte das Kultusministerium nun: «Wenn eine Schülerin oder ein Schüler zum Beispiel dreimal Schüler*innen schreibt, wird ein Fehler gerechnet, da es ein Wiederholungsfehler ist. Wird im Text Schüler*innen, Lehrer*innen, Pädagog*innen geschrieben, sind es drei Fehler, da sich der Wortstamm ändert. Ändert sich der Wortstamm, liegt kein Wiederholungsfehler vor.» News4teachers / mit Material der dpa

Protest: Schülerinnen hissen Banner gegen Genderverbot an Söders Staatskanzlei


Title: Genderverbot: Schülersprecherin erwartet, dass Abiturient*innen gendern – nun erst recht
URL: https://www.news4teachers.de/2024/04/genderverbot-schuelersprecherin-erwartet-dass-abiturientinnen-gendern-nun-erst-recht/
Source: News4teachers
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Date: April 27, 2024 at 04:52PM
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