Missio: Schummelverdacht beim katholischen Hilfswerk – wohin fließen die Spenden wirklich?

Missio: Schummelverdacht beim katholischen Hilfswerk – wohin fließen die Spenden wirklich?

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Missio-Zentrale in Aachen: Wie viel Geld bleibt in Deutschland hängen?

Missio-Zentrale in Aachen: Wie viel Geld bleibt in Deutschland hängen?


Foto: Julia Steinbrecht / KNA

Und jetzt alle einmal lächeln, bitte! In Myanmar. In Indien. Und irgendwo in Afrika. Klar, das Leben ist hart, aber eigentlich meint es das Leben gar nicht so übel mit den Menschen auf den Fotos. Schließlich macht Missio, das katholische Hilfswerk aus Aachen, das Leben in aller Welt besser.

Das ist die frohe Botschaft im aktuellen Jahresbericht für 2020: keine Hungerbäuche, keine ausgemergelten Gesichter. Größer als Armut, Krieg und Katastrophen ist die Hoffnung, die deutsche Christen nach Asien, Afrika und Ozeanien bringen. Mit Spenden, die ein Lächeln in Gesichter zaubern.

51,2 Millionen Euro hat das päpstliche Missionswerk 2020 eingenommen, und wer vorn im Bericht an den großen Bildern kleben bleibt, der muss glauben: Das Allermeiste davon landet in armen Ländern. Bei Pfarrern und Nonnen, die Gutes tun, bei der kirchlichen Nothilfe in den Jammertälern der Erde.

Schön wär’s.

Tatsächlich bleibt ein großer Batzen dort hängen, wo die Not am kleinsten ist: in Deutschland und in der tipptopp renovierten Missio-Zentrale.

Jenseits der schönen Fotos kann man weiter hinten im Jahresbericht sogar die Zahlen finden, die in dieses Bild zu passen scheinen. Sortiert nach Weltgegenden, steht dort, wie viel Geld Missio für Projekte im Ausland bewilligt hat – 28,7 Millionen Euro. Bleiben demnach 22,5 Millionen übrig, die offenbar in Deutschland geblieben sind. Mehr als 40 Prozent.

Aus: DER SPIEGEL 21/2022

Die da oben

Eine kleine Gruppe von Superreichen häuft immer größere Besitztümer an. Die wohlhabendsten 520.000 Menschen verfügen über mehr als ein Zehntel des globalen Vermögens. Und sie tun alles, um möglichst wenig abzugeben – während Menschen am Existenzminimum zunehmend leiden.

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Noch trüber sieht die Sache aus, wenn man sich die Einnahmen genauer anschaut. Knapp 14 Millionen Euro bekommt Missio aus der Kirchensteuer. Die sind strikt zweckgebunden, landen fast komplett auf der Südhalbkugel. Was aber umgekehrt bedeuten würde: Von den restlichen 37 Millionen Euro, darunter all die Spenden barmherziger Christen, sollte anscheinend nicht mal jeder zweite ins Ausland gehen.

Der SPIEGEL hat interne Unterlagen von Missio Aachen eingesehen. Vor dem Katholikentag in Stuttgart kommende Woche nähren sie erneut Zweifel, ob in der katholischen Kirche in Deutschland Anspruch und Wirklichkeit zusammenpassen. Zwar gehen Millionen an die Kirchen auf der Südhalbkugel, nach Missio-Angaben in 981 Projekte in 63 Ländern. Doch die Papiere lassen den Verdacht aufkommen, dass getrickst wird – anscheinend um Ausgaben für einen aufgeblähten Personalapparat in Deutschland mit kreativer Buchführung zu verschleiern. Missio weist das strikt zurück. Ebenso bestreitet das Hilfswerk, dass man aus den bewilligten Geldern fürs Ausland auf die Kosten im Inland rückschließen könne. Doch auf Nachfrage, wie viel Geld denn in Deutschland bleibe, wo man keine Hilfsprojekte hat, verweigert Missio die Antwort. Begründung: Zwischen dem In- und Ausland zu unterscheiden, vertrage sich angeblich nicht mit »unserem Selbstverständnis«.

Missio bettelt um Spenden, sitzt aber auf knapp 100 Millionen Euro

Damit nicht genug. So sehr Missio fleht, »den Ärmsten der Armen« zu helfen, so wenig redet Missio über seinen Reichtum: dass man offenbar auf 90 bis 100 Millionen Euro Vermögen sitzt. Davon tauchen gut 48 Millionen nicht mehr öffentlich auf, weil Missio den Reichtum in einem so gut wie unsichtbaren Förderverein gebunkert hat. Dessen Zahlenwerk blieb bisher unter Verschluss. Angeblich liegt das Geld dort als Reserve, falls die Zeiten hart werden, die Mittel fürs Ausland knapp. Doch selbst im schlimmen Coronajahr 2020, als in Asien, Afrika und Ozeanien Geld für Pandemiehilfen dringend gebraucht wurde, machte der Förderverein nur rund 500.000 Euro für Missio locker. Offenbar sind die Millionen aus Sicht der Missio-Manager im Geldbunker besser aufgehoben als im Ausland, für Waisenkinder und Hungerlöhner. Dass zum christlichen Ideal der »Vita apostolica« nicht nur die Verkündigung des Evangeliums gehört, sondern auch ein Leben in Armut, scheint der Führung dabei aus dem Blick gerutscht zu sein.

Klar ist: Nur mit dem Heiligen Geist wird bei katholischen Hilfswerken wie Adveniat, Misereor oder eben Missio der Klingelbeutel ebenfalls nicht voll. Wer Geld sammeln will, muss Werbung machen, Aktionen starten. Dafür braucht es Personal, und das arbeitet nicht nur für Gotteslohn. Fragt sich nur, wie viel Personal es sein muss.

Missio beschäftigt in Deutschland inzwischen 137 Kräfte auf 87 Vollzeitstellen; bezahlt wird ähnlich wie im öffentlichen Dienst. Es gibt, m/w/d, Referatsleiter, Fachbereichsleiter, Abteilungsleiter, Stabstellenleiter, Referenten, Sachbearbeiter, Hausmeister. Allein in der sogenannten Inlandsabteilung sitzen 20 Beschäftigte, zu deren Hauptaufgabe Kampagnen in Deutschland zählen; beispielsweise gegen Sextourismus oder Kinderarbeit.

Zugleich wirbt Missio seit vielen Jahren mit dem Siegel des Spenden-TÜVs DZI und rühmt sich, besonders sparsam mit dem Geld von Spenderinnen und Spendern umzugehen. Regelmäßig lässt sich das Hilfswerk bescheinigen, dass es bei Werbe- und Verwaltungskosten die beste Stufe auf der DZI-Skala schafft. Was bedeutet: Apparat und Werbung machen nicht mal zehn Prozent der Kosten aus.

Gute Kosten, böse Kosten

Hohe Ausgaben im Inland, aber trotzdem das Zehnprozentziel erreicht: Da kommt der Verdacht auf, dass Missio ein paar Mogelmethoden nutzt.

Der mutmaßliche Trick: Man macht offenbar aus bösen Kosten, die Spender abschrecken könnten, gute Kosten, die nicht aufs Zehnprozentziel durchschlagen. Dafür schiebt man, so der Verdacht, unschöne Werbe- und Verwaltungskosten in Hilfsprojekte und -kampagnen hinein, weil die nach den Regeln des DZI keine Rolle für die Quote der Werbe- und Verwaltungsausgaben spielen. Möglich ist das, weil sich Missio nicht nur die Nothilfe in aller Welt in die Satzung geschrieben hat, sondern noch andere Zwecke: Bildungsarbeit. Aufklärungsarbeit. Die Missionstheologie und ihre Förderung. Darunter lässt sich einiges verbuchen, um offenbar den Schein vom äußert sparsamen Hilfswerk wahren zu können.

Da sind zum Beispiel die Kampagnen der Inlandsabteilung. Auf den ersten Blick geht es darum, den Deutschen das Elend in fernen Ländern vor Augen zu halten. Das fällt unter den Satzungszweck »Bildung« oder »Aufklärung«. Zugleich positioniert sich Missio damit aber auch als Kämpfer für das Gute, macht also Eigenwerbung. Und Hauptzweck, so ein Insider, sei bei Kampagnen ohnehin die Spendenakquise. Über Mitmachkampagnen komme man billig an Adressen, die nutze man für Spendenbriefe. Demnach müssten die Kampagnenkosten eigentlich im bösen Werbeetat auftauchen, zum Teil wenigstens. Tun sie aber nicht. Denn folgt man Missio, sei es keineswegs das Ziel der Kampagnen, »Adressen zum Zweck der Spendenwerbung« zu gewinnen. Richtig sei nur, dass – quasi als Nebeneffekt – bei »der Kampagnenarbeit gewonnene Kontakte auch für Spendenanfragen genutzt werden«. Alles eine Frage des Blickwinkels also.

Auch der Missio-Stellenplan spricht dafür, dass die Kampagnen wohl eher dazu dienen, Spenden hereinzuholen. Laut einer internen Liste bekommt die Chefin der Spendenabteilung 65 Prozent ihres Gehalts aus Kampagnentöpfen; nur 35 Prozent werden als Verwaltungsausgaben gebucht. Begründung von Missio: Die Frau sei für zwei Kampagnen zuständig, den Weltmissionssonntag und die Bildungsinitiative »Glauben teilen. Weltweit«. Klingt so, als wäre das Spendensammeln, eine der wichtigsten Aufgaben im ganzen Haus, nur ihre Nebentätigkeit. Beileibe kein Einzelfall: Viele Gehälter in der Aachener Missio-Zentrale schlagen nur zum Teil auf die verpönten Verwaltungskosten durch. Der Rest wird in Projekten und Kampagnen untergebracht und fällt damit offiziell nicht unter Bürokratie.

Nicht einmal Vizepräsident Gregor von Fürstenberg hat eine reine Verwaltungsstelle. Fürstenbergs Gehalt, den Unterlagen zufolge deutlich mehr als 100.000 Euro im Jahr, wird zu 30 Prozent über Kampagnen wie »Familien in Not« oder »Bedrängte Christen« abgerechnet. Auch Fürstenberg habe mit Hilfsprojekten zu tun, argumentiert Missio. Der Spenden-TÜV DZI findet das allerdings merkwürdig. »Wir stellen derzeit Rückfragen zu den konkreten Arbeitsinhalten der jeweiligen Stellen«, teilt das DZI dem SPIEGEL mit. Mit im Fokus einer »vertieften Prüfung«: Fürstenberg und die Chefin der Spendenabteilung.

Alarmstimmung im Herbst 2020

Fragwürdig lief es auch bei den Sachkosten: Schwer verdauliche Werbeausgaben wurden in gut verträgliche Projektkosten verpackt. Im Herbst 2020 brach allerdings Alarmstimmung aus. Ein DZI-Prüfer, der das Spendensiegel vergeben sollte, war in einem 200-Seiten-Wust über eine Tabelle gestolpert. Darin waren 2,2 Millionen Euro für »Werbemaßnahmen« im Jahr 2018 und weitere 2,3 Millionen für Werbung 2019 als »Projektaufwendungen« gelistet. Dahinter verbargen sich etwa ein »Weihnachtsmailing«, ein »Nothilfemailing«, auch ein »Mailing Großspender«. Alles augenscheinlich Werbung, keine Hilfsprojekte – trotzdem unter »Projektaufwendungen« aufgeführt.

Ebenso stutzte der Prüfer bei 408.568 Euro für »Aufwendungen aus Nachlässen«. Darunter waren Kosten für die Entrümpelung von Wohnungen, für Gerichtsgebühren oder Anwaltsrechnungen, die mit Erbschaften für Missio zusammenhingen. Laut DZI fällt so etwas eindeutig unter Werbekosten. Hatte Missio aber alles im Projektetat verbucht.

Missio bestreitet auf Anfrage gleichwohl jedes Fehlverhalten: kein aufgeblähter Personalapparat, keine »kreative Buchführung«, Werbe- und Verwaltungskosten würden nicht in Hilfsprojekten oder Kampagnen versteckt, sondern »zutreffend ausgewiesen«. Die Sach- und Personalkosten seien »angemessen«. Und dass man für die Weltmission nicht nur im Ausland arbeite, sondern auch im Inland, das sei den Spenderinnen und Spendern sicherlich bekannt, etwa von der Homepage. Wichtigster Zeuge, dass man sauber arbeite: das DZI, das nicht nur die Zahlen regelmäßig überprüfe, sondern auch das Bild, das Missio von sich in der Öffentlichkeit zeichne.

Doch so überzeugt wie Missio ist das DZI nicht. Zwar habe man kein Problem damit, dass Missio im Jahresbericht seinen Schwerpunkt auf das Wirken im Ausland setze, solange die Arbeit im Inland ebenfalls noch »zur Geltung« komme, schreibt das DZI. Zufrieden ist der Spenden-TÜV aber keineswegs: »Die ausgewogene Darstellung des gesamten Tätigkeitsspektrums ist 2021 durchaus thematisiert worden und jetzt noch Teil des Austauschs zwischen DZI und missio.« Man sehe »Verbesserungsbedarf«, den habe das DZI auch im jüngsten Prüfbericht vom Dezember 2021 angekreidet. Die im Herbst 2020 monierten Buchungen von Werbe- als Projektausgaben seien ebenfalls noch ein offenes Thema.

Auch für Missio gilt also offenbar eine Mahnung, die Papst Franziskus im Mai 2020 in seiner Botschaft an die Missionswerke richtete: »Kirchliche Organisationen sind trotz aller guten Absichten der Einzelnen am Ende manchmal selbstbezogen und widmen ihre Kraft und Aufmerksamkeit vor allem der Selbstförderung und dem Lobpreis der eigenen Initiativen.«


via www.spiegel.de https://www.spiegel.de

May 20, 2022 at 08:07PM