Sieht so die Schule der Zukunft aus? „Wir gehen weg vom angeleiteten Lernen“ – sagt der Schulleiter

MAINZ. Neue pädagogische Konzepte leben nicht nur durch das Engagement Lehrerinnen und Lehrern. Alte Krusten können auch durch neue Raumkonzepte aufgebrochen werden – wie das Beispiel des Mainzer Gymnasiums Theresianum zeigt.

Die Kinder arbeiten in ihrem eigenen Lerntempo, Frontalunterricht in einem Klassenzimmer mit 30 Schülern ist eine Seltenheit, geübt und gelernt wird digital, in offenen Einheiten, kleinen Gruppen und auch im Flur: Im Mainzer Gymnasium Theresianum ist die Schule der Zukunft bereits Realität.

«Wir gehen weg vom angeleiteten Lernen», erklärt Schulleiter Stefan Caspari das Konzept der Schule. Die Mädchen und Jungen sollen nicht alle im Gleichschritt unterrichtet werden und alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein. «Asynchrones Lernen» nennt der Schulleiter den Ansatz. «Unser Konzept ist für jedes Kind etwas.»

Den Anstoß für ein neues Raum- und damit auch Lernkonzept mit offenen Ebenen ohne die klassischen Klassenzimmer gab es bereits im Jahr 2017, als nach der Übertragung der Trägerschaft des Theresianums auf das Bistum Mainz ein umfangreicher Umbau des Schulgebäudes anstand. Mittlerweile hat jede Jahrgangsstufe in dem G8 Gymnasium von der 5. bis zur 12. Klasse eine eigene Etage mit unterschiedlichen Arbeits-, Lern- und Unterrichtsmöglichkeiten.

Auf den Ebenen gibt es drei Lernlandschaften: Das Auditorium, in dem es noch angeleiteten Unterricht etwa in Fremdsprachen gibt. Das Silentium, in dem eigenverantwortliches und stilles Lernen an individuell gestalteten Arbeitsplätzen stattfindet. Dazu kommt noch das Colloquium, in dem Schülerinnen und Schüler zusammen auf Loungemöbeln, Sitzecken und Teppichen zusammen arbeiten und im Gegensatz zum Silentium auch ohne besondere Ruhe lernen können.

Die 5. Klasse hat dabei ganz oben in der Ganztagsschule in einem abgeschlossenen Bereich ihr Zuhause, dem «Nest». Im großen Gruppenraum für die Stillarbeit gibt es vierer Plätze, die mit kleinen, individuell mit Fotos und Bildern gestalteten Stellwänden auf den Schreibtischen abgetrennt sind. Das Theresianum ist vierzügig, damit gibt es etwa 120 Kinder pro Ebene. Es gibt 85 Lehrerinnen und Lehrer.

Statt der herkömmlichen Schulnoten setzt die Schule auf sogenannte Könnensbeweise: Ein individuell festgelegtes Lernziel

Der Unterricht findet in dem G8-Gymnasium nicht in festen 45-Minuten-Schulstunden statt, sondern in auch länger andauernden Blöcken. Die Kinder arbeiten häufig in Teams und an gemeinsamen Projekten. Tutoren begleiten sie sowohl auf fachlicher als auch bei persönlichen Fragen. Statt der herkömmlichen Schulnoten setzt die Schule auf sogenannte Könnensbeweise: Ein individuell festgelegtes Lernziel.

Mira, Tessa und Stella sind in der 6. Klasse, sitzen mit ihren Tablets und Notebooks im Colloquium. Die elf und zwölf Jahre alten Mädchen erzählen, dass sie sehr ehrgeizig sind und sich gerne in der Dreiergruppe zum Arbeiten im Colloquium treffen. Sie arbeiten am selben Stoff, aber mit unterschiedlichem Tempo. Auch eine Zeituhr bei den elektronischen Aufgaben kann sie unterstützen.

Alle Schülerinnen und Schüler der katholischen Privatschule arbeiten von Anfang an ab der 5. Klasse mit Tablets oder Notebooks. Die Geräte bringen die Mädchen und Kinder selber von zuhause mit in die Schule. Sie können aber auch ausgeliehen werden.

45 Schulen hatten zum Start an dem Projekt des Bildungsministeriums «Schule der Zukunft» in Rheinland-Pfalz teilgenommen. Ziel der im vergangenen Jahr ins Leben gerufenen Initiative ist es, neue Lernformen zu erkunden, die vor Ort von Schule zu Schule jeweils unterschiedlich entwickelt werden können. Dabei geht es etwa um selbstgesteuertes, individualisiertes Lernen, flexiblere Unterrichtszeiten und alternative Formen der Leistungsbeurteilung.

Beteiligt waren zunächst neun Grundschulen, acht Realschulen plus, elf Integrierte Gesamtschulen, elf Gymnasien, fünf Berufsschulen und eine Förderschule. Die Zahl der teilnehmenden Schulen in Rheinland-Pfalz ist jüngst um 52 gestiegen (News4teachers berichtete). Die Initiative ist auf mehrere Jahre angelegt.

«Wir wollen, dass sich Schulen auf den Weg machen und sich verändern»

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) verspricht sich viel von der Initiative, die für alle Schulen und Schularten im Land offen ist. Auch wegen der voranschreitenden Transformation, Digitalisierung und Globalisierung gehe es darum, dass sich die Schulen im 21. Jahrhundert weiterentwickeln. «Wir wollen, dass sich Schulen auf den Weg machen und sich verändern.» Von Bernd Glebe, dpa

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Date: January 3, 2024 at 11:55AM
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