„Spirituelle Tankstellen im Alltag“ / Welche Bedeutung haben Wegkreuze am Straßenrand?

DOMRADIO.DE: An den Land- und Bundesstraßen in Nordrhein-Westfalen stehen Gedenkkreuze, Bildstöcke und Wegkreuze in verschiedenen Größen, Formen und Zuständen. Wo liegt der Unterschied bei diesen Denkmälern?

Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti (Brauchtumsforscher): Der Begriff, der alle Arten abdeckt, ist der Begriff der Kleindenkmäler. Kleindenkmäler sind Bildstöcke, Kreuzwege, Wegkreuze, Feldkapellen und Ähnliches. Die meisten sind entstanden, weil an dieser Stelle einmal ein Unfall geschehen ist oder weil man an einen Menschen erinnern möchte, der dort gelebt oder gewirkt hat. Ein dritter Punkt, warum die Denkmäler aufgestellt wurden, ist aus Dankbarkeit für irgendetwas.

Das Problem mit den Kleindenkmälern ist gegenwärtig, dass sie zu nah an den Straßen stehen. Denn die Straßen sind früher sehr viel schmaler gewesen als heute. Die dicken Autos brauchen Platz. Auch die Parkplätze an den Seiten vergrößern sich. Da stehen diese Bildstöcke natürlich im Weg. Es ist zu prüfen, ob man die Kleindenkmäler ersatzlos entfernt oder ob man sie versetzt. Das Versetzen halte ich für die klügere Lösung. Man kann nicht einfach die eigene Geschichte demontieren.

Außerdem hängen die Menschen daran. Ich glaube, dass in vielen Fällen die Betreuung dieser Objekte nicht vernünftig funktioniert. Es gibt Kreise, die die Betreuung sehr schön organisiert haben. Zum Beispiel über Fördervereine, die für jedes einzelne Denkmal einen Paten ernennen, der das Objekt betreut und regelmäßig prüft, ob es standsicher ist, ob Schäden aufgetreten sind und dergleichen.

Noch wichtiger bei den Fördervereinen ist die Regelung zur Verteilung der Kosten, wenn ein solches Objekt saniert oder repariert werden muss. Kommunen, Kreis und Land übernehmen in diesen Fällen bestimmte Anteile, sodass der Förderverein nicht alles zahlen muss und das Objekt vernünftig betreut werden kann.

"Wenn ich ihnen begegne, erinnern sie mich über den Sinn meines Lebens nachzudenken. Sie sind Teil der Volksfrömmigkeit."

DOMRADIO.DE: Wie bedeutsam ist der spirituelle Aspekt?

Becker-Huberti: Für mich sind Wegkreuze spirituelle Tankstellen im Alltag. Wenn ich ihnen begegne, erinnern sie mich, über den Sinn meines Lebens nachzudenken. Sie sind Teil der Volksfrömmigkeit. Etwas, was sie brauchen, was sie mit ihrer Heimat verbindet. Dementsprechend kann man da nicht einen Kahlschnitt vornehmen.

DOMRADIO.DE: Kann man sagen, wie viele solcher Kreuze und Stöcke es in Deutschland noch gibt? Was würde es bedeuten, wenn die Denkmäler tatsächlich aus dem Straßenbild verschwinden würden?

Becker-Huberti: Ich glaube, das kann man nicht. Es gibt kein Verzeichnis, das diese Bildstöcke und diese kleinen Denkmäler umfasst. Es dürfte schwierig sein, die Zahl abzuschätzen.

Die Bedeutung können Sie sich an Straßen mit Unfallschwerpunkten anschauen. Dort werden am Rand Kreuze, Blumen, Kerzen und Ähnliches aufgestellt. So etwas ist nicht kleinzukriegen. Es entsteht immer wieder neu. Dementsprechend wird man das Problem durch Beseitigung nicht aus der Welt schaffen. Vielmehr muss man eine vernünftige Lösung suchen, die zukunftsorientiert und finanzierbar ist und die die Menschen mitnimmt.

Das Interview führte Elena Hong.


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Source: DOMRADIO.DE – Der gute Draht nach oben
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Date: March 25, 2024 at 12:36PM
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